Zur heiligsten Dreieinigkeit Halle

Die Franziskanerkirche zur heiligsten Dreieinigkeit in Halle steht an der Einmündung der Lauchstädter Straße in die Turmstraße. Ihr Äußeres entspricht nicht dem Bild, das man sich gewöhnlich von einer Kirche macht. Wäre nicht das goldene Kreuz auf der Spitze zu sehen, so wäre der sakrale Charakter des Bauwerks kaum zu erkennen. Der Umriss könnte an ein großes Zeilt erinnern, und der Gedanke an ein Zelt ist gar nicht so abwegig. ..I der Offenbarung des Johannes lesen wir vom Zelt Gottes unter den Menschen, die Liturgie der Kirchweihe zitiert diesen Bibeltext und auch das Kirchenlied gebraucht das Bild.

Nähere Betrachtung lässt eine stufenweise Gliederung in drei Bauteile erkennen: der massige Unterbau bilde mit dem östlich anschließenden Kloster und Gemeindehaus eine Einheit, die durch gleiche Höhen der Frontseiten und des Daches bewirkt wird.

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Im Grundriss zeigt sich ein Sechseck mit verschiedenen langen Seiten, anders gesagt ein Dreieck mit abgestumpften Ecken. Aus dem Dach heraus wächst der Turm, der die gleiche Grundform wie der Unterbau hat, aber quasi gedreht ist. Darüber erhebt sich die Glockenstube ebenfalls sechseckig nun wieder in der ursprünglichen Lage. Diese geschickte Kombination gleicher Formen in wechselnder Größe und Anordnung führt zu einer sehr sinnvollen Anlage der Dachflächen und ihrer Gratlinien. Sie laufen im obersten Punkt zusammen und weisen in Pfeilform nach oben, auf das Kreuz zu.

Im Inneren finden wir einen großen, durch unterschiedliche Höhen gegliederten Raum. Die im Kirchenbau sonst gewohnten Stützen und Bögen fehlen. Glatte rechteckige und trapezförmige Flächen umgrenzen den Raum. Sie wirken auf den Besucher beruhigend. Vom Haupteingang her wird der Blick zum gegenüberliegenden Altarraum gezogen, auf den auch die Hauptlinien des Innenraumes zulaufen.

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Der Altarraum ist von sechs schlanken Säulen umgeben, die ein sechsseitiges Prisma tragen. Es bildet einen Baldachin über dem Altar, der im Gesamtbau fest verankert ist. Die beiden vorderen Säulen haben zusammen mit je zwei in die Wände der Seiteneingänge eingelassenen Stützen die Last des gesamten mittleren Aufbaus und der Glockenstube zu tragen.

Die Kirche wurde in den Jahren 1928-1930 erbaut. Sie erregte damals großes Aufsehen, da sie mit allen Traditionen des Kirchenbaus brach. Hier findet sich kein Langhaus, Kirchturm, kein auch nur angedeuteter gotischer Bogen, kein barocker Schnörkel. Noch 1924 war die Gesamtanlage als neubarockes Ensemble von dem Architekten Lohmer entworfen worden. Kloster und Betsaal (heute der Pfarrsaal) sind nach diesem Plan erbaut.

Inzwischen begann aber – wenn auch noch umstritten – die Stilrichtung des Dessauer Bauhauses Einfluss zu gewinnen. Ein wohlwollender Oberbürgermeister Richard Robert Rive, ein modern denkender Stadtbaurat Wilhelm Jost und ein exzellenter Direktor der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein Paul Thiersch mögen in Halle ein Klima geschaffen haben, das modernes Bauen förderte. Die Entscheidung lag aber beim Bauherrn.

Der Franziskaner Pater Erasmus Baumeister rückte von dem ursprünglichen Plan ab. Es ging ihm gewiss nicht darum, ein avantgardistisches Bauwerk zu errichten. Ihm lag die ständig wachsende Gemeinde am Herzen, und er dachte an die Zukunft. Da konnte man nicht jahrhundertealte Traditionen konservieren. Die tätige Teilnahme der Gemeinde an der Liturgie musste das Volk Gottes von seiner Zuschauerrolle befreien. Und dazu eignete sich das herkömmliche Muster christlicher Kirchen nicht, da sie eher an einen Hörsaal, ein Theater oder ein Kino erinnerten.

In Halle wirkte in diesen Jahren ein leidenschaftlicher Vertreter der liturgischen Bewegung, der Vikar Konstantin Loens. Er verbreitete Ideen, die erst 40 Jahre später durch die Liturgiereform zum Allgemeingut wurden. Mit ihm mag Pater Erasmus die Pläne für die neue Kirche erörtert haben, und er wird auch den Kontakt zu einem Architekten vermittelt haben, der sich selbst mit diesen Fragen beschäftigte und in der Lage war, den Ideen die ihnen gemäße Form zu geben – Wilhelm Ulrich. Ihm gelang nach Ansicht von Experten einer der wenigen architektonisch originellen Sakralbauten, die in der Zeit experimentellen Kirchenbaus nach dem Ersten Weltkrieg in Mitteldeutschland entstanden sind[1].

Quelle: H. G. Finken, Seht Gottes Zelt, Eigenverlag Halle 2005.